Xenoi – Gäste, Fremde

Über einen Bilderraum von Caterina Albert

von Ulrich Fürst

Im Zeitalter der globalen Kommunikation, der internationalen Datenhighways und der ungehemmt zirkulierenden Waren- und Finanzströme weltweit ist das Bild des Fremden merkwürdig abstrakt geblieben. So, wie die ‘Xenoi’ im öffentlichen Diskurs, in den Beiträgen der Medien und in den politischen Debatten erscheinen, sind sie blutleere und schemenhafte Gestalten. Der Fremde begegnet uns als Gegenstand von UNO-Statistiken, als besonders günstiger Kostenfaktor Arbeit anderswo oder als steigende Anzahl der Asylsuchenden. Wir erleben ihn professionell medial vermittelt und öffentlich-rechtlich zur Meinungsbildung aufbereitet als anonymes Opfer und Sozialfall in den Flüchtlings- und Migrantenströmen. Für andere reduziert sich der Fremde auf eine unbekannte Größe, welche die einheimische Lebensart zu gefährden droht. Der abstrakte Fremde kann aber auch zur Projektionsfläche für eigene, liebgewordene Vorstellungen werden. Die verbreitete Wertschätzung der tibetanischen Klosterkultur hat wenig zu tun mit persönlicher Erfahrung oder Sachkenntnis, viel aber mit der selbstbezogenen Sehnsucht von Europäern, die sich von diesem ‘Shangri La’ spirituelle Erfüllung und geistige Heimat erhoffen. Fern aller Lebenswirklichkeit ist das Bild des Fremden, abstrakt und mit eingefahrenen Vorstellungen besetzt.

Ein völlig anderes, viel konkreteres Bild des Fremden stellt uns Caterina Albert vor Augen. Es entspringt ihrem unmittelbaren Erlebnis und ist auch ein Lebensbericht der Malerin über ihr Dasein unter Fremden und ihre Begegnungen mit ihnen, Begegnungen, die sie in ihren Bann gezogen haben durch eine merkwürdige Ambivalenz von Faszination und Aggression, von Distanzierung und Anziehung. Programmatisch dafür steht der griechische Titel ‘Xenoi’, der sowohl den Gast als auch den Fremden bezeichnet; und programmatisch versteht Caterina Albert auch eine Szene aus dem siebzehnten Gesang der Odyssee. Weil er „einem elenden Bettler und alten Manne gleichend” zurückgekehrt war, erkannten die Freier den „vielduldenden göttlichen Odysseus” nicht. Die Vorsichtigeren unter ihnen mahnten aber den aufbrausenden Antinoos, den Landstreicher zu achten, weil sich im Fremden ein Gott verbergen könne.

In der Welt Homers konnte ein Fremder auch die lebendige, leibhaftige Manifestation göttlicher Kräfte sein.

Antike Gottheiten wie Dionysos oder Pallas Athene gibt es hier nicht zu sehen, wohl aber ein Bild des Fremden, das in Analogie zum antiken Mythos ungemein eindringlich ist. Die Gestalten dieser Bilder hat Caterina Albert überwiegend im Münchner Hauptbahnhof angetroffen und in dem Milieu der umliegenden Straßen, wie es für die Hauptbahnhöfe in aller Welt charakteristisch ist. Darunter haben sich auch bekannte Gesichter gemischt, Prominente, die in der Wahrnehmung der Malerin aber als Vereinzelte und Gefährdete erscheinen, so daß sie unter demselben Gesetz stehen wie die Fremden.

In den Bildern tritt uns die Faszination des fremden Anderen als elementare Urkraft gegenüber. Wir sehen die Verkörperung von Archetypen, eindringliche Bilder von Seelenkräften, blicken aber auch auf trotzige Schutzbarrieren und distanzierende Abwehr. Wir erleben zugleich Bedrohung und Lockung durch das Unbekannte und beides als Herausforderung unserer eigenen Person. Auf Erwecker der Neugier stoßen wir, auf Abscheuliche, auf Geheimnisvolle, aber auch auf das Bekannte im Unbekannten, wenn die Fremden an alte wie moderne Mythen oder an eigene Lebenserfahrung erinnern.

Was Caterina Albert in den Fremden gesehen hat, hat sie durch die ihr eigene Ausdrucks- und Gestaltungskraft intensiviert. Das Signum dieser figurativen Malerei ist eine unerhörte Plastizität, die auch schon die Werke in den Ausstellungen im Marstall des Münchner Residenztheaters (‘Zehn Behauptungen’; 1996) und in der Galerie Molitor (‘Menschen sehen’; München 1997) geprägt hat und vor allem in den Köpfen höchstes Maß erreicht. Mit Plastizität ist hier nicht in dem banalen Wortsinn die Abbildung eines Körpers auf der Fläche zu verstehen, sondern eine anschauliche Qualität und ein gestalterischer Wert. Es geht um Plastizität als einer lebendigen, nach außen drängenden Kraft, es handelt sich um Köpfe, „die in ihren Formen drei-dimensional als voll erfüllt von ihrer eigenen Lebenskraft erscheinen” (K. Badt). Darauf beruhen die bedrängende körperliche Präsenz der Personen und die bleibende Intensität ihres Ausdrucks. Was die innere Kraft der ‘Xenoi’ motiviert, wird durch ein zweites Wesensmerkmal dieser Bilder zwingend klar, durch den intensiven Blick. So wie die plastische Präsenz der Figuren in ihrem Blick kulminiert, so scheint alle Spannung oder Emotion der Figuren aus dem zu kommen, was sie sehen oder suchen.

In dieser eindringlichen Gegenüberstellung wird die Begegnung mit dem Fremden wirklich zur Konfrontation. Und der Inhalt dieser Konfrontation, wenn Stirn und Stirn aufeinander treffen, läßt sich am besten mit dem schon genannten Motto auf den Punkt bringen, das für Caterina Alberts Werk bestimmend ist: ‘Menschen sehen’, wobei Menschen sehen aus dem doppelten Wortsinn lebt. Wenn wir auf die Fremden schauen, blicken diese zurück, sie blicken intensiv forschend und abschätzig, interessiert und argwöhnisch, verschlossen und fordernd auf uns, so daß die Rollenverteilung zwischen Bild und Publikum ein wenig aus den Fugen gerät – auf einmal merkt der Betrachter, daß Dutzende von Fremden auf ihn schauen und durch den Blick fragen: „was machst Du hier?”

Verläuft die Begegnung mit dem Fremden in dieser Weise, verblassen wohlmeinende Mahnungen an Achtung und Toleranz gegenüber den Anderen schnell zu einem matten Moralismus, weil wesentlich stärkere, elementare Triebfedern tätig werden: Neugier, Furcht, Begierde, Lebenslust. Die ‘political correctness’ gegenüber den Fremden ist kein Thema mehr, wenn man wie hier in der Lockung, in der Herausforderung durch den Fremden, in der Spannung der Begegnung mit ihm und in der Selbstbehauptung ihm gegenüber nicht nur Verunsicherung oder Ausgesetztheit erlebt, sondern auch die Fülle des Lebens spürt. Darin liegt die Kraft dieser Bilder.

Dr. habil. Ulrich Fürst arbeitet als PD am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München.