Ulrich Fürst

menschen sehen

Bilder von Caterina Albert

I.

Wenn Experten einen Künstler in Publikationen und Vorträgen vorstellen, dann ordnen sie ihn häufig ein in ein Panorama der aktuellen Trends. Der Künstler tritt einem dann entgegen als einer, der sich in einem hermetischen Mikrokosmos bewegt, der neueste Tendenzen aufgreift, Entwicklungslinien verknüpft und den Anschluß an Gruppen sucht. Und er tritt uns entgegen als einer, der paradoxerweise weniger gestaltet als unermüdlich über seine Rolle in diesem Beziehungsgeflecht reflektiert, weil er sich darin einordnen möchte. In Grad und Ausmaß der Reflexion übertrifft ihn bestenfalls der Kunstkritiker. In solcher Darstellung würde sich der Künstler zu den großen Namen und Tendenzen bekennen, damit etwas von deren Anspruch und Bedeutung auf ihn fallen möge.

Wenn man sich aber mit der Bilderwelt der Caterina Albert befassen will, dann sollte man dieses Verfahren beiseite legen. Der schon zur Routine gewordene Diskurs der internationalen Künstlerrepublik – skeptisch und aufgeklärt zugleich sich selbst bespiegelnd – ist ihre Sache nicht. Er ist es deshalb nicht, weil sie sich einer Aufgabe verpflichtet fühlt, weil sie und ihre Imaginationskraft stets mit Bildern engagiert sind – sowohl mit den Bildern und Eindrücken, die sie von dieser Welt gewinnt, als auch den Bildern, die sie davon gibt. Als Augenmensch setzt die Malerin auf das Sehen, die unmittelbare Anschauung und die Macht der Bilder.

Insofern ist ihre Malerei ein Gegenpol zum mainstream der konzeptionellen Kunst, die der Bildmächtigkeit abgeschworen hat. Ihre Werke sollen eben nicht nur Ausgangspunkt für Reflexionen und Diskussionen sein, die diesen äußeren Anstoß schon bald hinter sich lassen. Statt ‘Art after Philosopy’ (Joseph Kossuth) geht es bei Caterina Albert um die gestaltete Form, Inhalte präsentiert sie als gestaltetes Thema. Die Themen werden also für den Betrachter zur Schau gestellt. Das ist der eine Wortsinn des Mottos dieser Ausstellung ‘MENSCHEN SEHEN’.

Fast wie ein Kommentar zu diesem Grundsatz wirken die sechs Einzelbilder aus dem Zyklus der ‘zehn Behauptungen’, die hier alle vertreten sind. Es handelt sich um sechs grundverschiedene Gestalten, die aber alle intensiv blicken, die völlig im Schauen aufgehen, auch und gerade dann, wenn sie – wie erblindet – nichts sehen: angstvoll gebannt der eine und fiebrig starrend der andere, blinde Schau nach innen und suchendes Tasten, durchdringende Konzentration und abschätzige Distanzierung. Alle Spannung oder Emotion der Figuren kommt aus dem, was sie sehen oder suchen.

II.

Um welche Themen die Kunst der Caterina Albert kreist, das läßt sich am besten anhand der großen Zyklen zeigen. Es sind Visualisierungen von Grundfragen menschlicher Existenz und daher zumeist auch an der menschlichen Figur, der einzelnen menschlichen Gestalt entwickelt. Das ist der zweite Wortsinn von MENSCHEN SEHEN. Ich nenne drei dieser Bereiche:

- Der schöpferische Akt und das erkennende Sehen – darüber handeln die ‘ZEHN BEHAUPTUNGEN’.

- Das Wesen außergewöhnlicher Persönlichkeiten ist der Inhalt im Zyklus der ‘GÄSTE’. Man könnte sie Bilder des Geistes nennen.

- Um essentielle menschliche Qualitäten geht es bei der jüngsten Serie: ‘VIVACITÀ E PRONTEZZA’.

III.

Aus dem Bisherigen geht schon hervor, daß die gezeigten Bilder für sich sprechen, sie brauchen nicht den gelehrten Exegeten, sondern Betrachter, die ihre Sinne gebrauchen wollen, um die Malerei und ihren Inhalt zu verstehen. Auch hier hat das knappe Diktum Bestand: „Es gilt, was man sieht”. Dennoch möchte ich einige Gestaltungsprinzipien formulieren, um bewußt zu machen, worauf die besondere Qualität und die außerordentliche Wirkung dieser Bilder beruhen:

Das Signum dieser Figurenkunst ist ihre unerhörte Plastizität. Oft sind Teile der Leiber nur flach ausgebreitet oder unscharf skizziert. Aber in bestimmten Partien und vornehmlich in den Köpfen erreicht die Plastizität höchstes Maß. Mit Plastizität ist hier nicht der banale Sachverhalt gemeint, das Dreidimensionale, die Abbildung eines Körpers auf der Fläche. Das Wort hat eine zweite essentielle Bedeutung, die Plastizität als eine anschauliche Qualität und als einen gestalterischen Wert bezeichnet. Hier geht es um Plastizität als einer lebendigen, nach außen drängenden Kraft, es handelt sich um Figuren, „die in ihren Formen dreidimensional als voll erfüllt von ihrer eigenen Lebenskraft erscheinen” (Kurt Badt). Darauf beruhen die bedrängende körperliche Präsenz der Personen und die bleibende Intensität ihres Ausdrucks; auch schafft die Plastizität räumliche Tiefe für die Figuren, schafft Raum um sie herum.

Ausschlaggebend für diese Qualität ist das zweite Gestaltungsmittel, auf das ich verweisen möchte: Das Licht. Es tritt zwar gelegentlich als Zwielicht oder als farbiges Glühen in Erscheinung, was atmosphärische Dichte stiften kann. Überwiegend ist aber eine harte, schlaglichtartige Beleuchtung. Das kalte, weiße Licht kommt nicht von der Sonne, es fällt von der Seite her, als gäbe es in den Bildern Scheinwerfer, und es treibt die plastischen Formen hervor wie der Meißel eines Bildhauers.

Das dritte Kriterium sind die besonderen Raumqualitäten. Weder handelt es sich um konstruierte Innenräume mit Einrichtung noch um Landschaft oder natürliche Szenerie. Der Ort dieser Kunst gehört nicht der gewohnten Alltagswelt an und hat eigene Gesetzmäßigkeiten. Ich möchte dieses Phänomen Farbraum nennen. Dieser Farbraum beruht auf einem monochromen Hintergrund, der oft in vielen Malschichten angelegt ist und andersfarbige Reflexe und farbige Obertöne aufweist. Der monochrome Bildgrund erscheint daher nie als neutrale Fläche. Mit seiner speziellen Farbgebung ist er Grundlage für die Stimmung im Bild und zudem kann er den Eindruck von Tiefe in allen Abstufungen erwecken, was vom reliefartigen Grund, der wie eine feste Mauer wirkt, bis zu einer dämmrigen Tiefe gehen kann, die sich in die Unendlichkeit verliert.

Die drei Kategorien – Plastizität, Schlaglicht und Farbraum – prägen diese Malerei und können sich gegenseitig zu höchster Intensität steigern. Sie sind auch dafür verantwortlich, daß sich dem Kenner immer wieder Assoziationen an andere Bereiche der Kunst aufdrängen: Erinnerungen an das ‘Kellerlicht’ bei Caravaggio etwa oder an historische Hauptmeister des plastischen Ausdrucks wie Giovanni Pisano und Michelangelo oder die Rolle des Figurentorsos bei Rodin. Es geht hier aber keineswegs um geistreiche Anspielungen oder das Sammeln von Zitaten. Die Assoziationen ergeben sich, weil Caterina Albert elementare und zeitlose Grundkategorien der bildenden Kunst auf neue Weise und für eigene Bilderfindungen nutzt.

Wie diese nun im einzelnen beschaffen sind, welche Botschaften etwa in den zehn Behauptungen vorgetragen werden, wer die Figuren aus dem Zyklus der Gäste sind, und welches Bild von den Gästen uns die Malerin geben will – all das müßte erst noch gezeigt und ausgeführt werden. Aber eine solche Einführung sollte kurz bleiben, denn – und damit kehre ich zu meinem Anfang zurück -: die Bilder sprechen am besten für sich.

Dr. habil. Ulrich Fürst arbeitet als PD am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München.