‘Der innere Blick’

über den Zyklus Zehn neue Gemälde von Caterina Albert

von Ulrich Fürst

Wenn zur Zeit im Salzburger Rupertinum eine Gruppe von 20 Künstlern ihre Bilder von Menschen unter dem Titel ‘Figuration’ zeigt, dann erweist sich die figürliche Malerei wieder einmal als ungebrochen lebenskräftig. Sie hat sich im 20. Jahrhundert neben dem Siegeszug der Abstraktion, der konzeptionellen Kunst und dem immer wieder postulierten ‘Tod des Tafelbilds’ behaupten können, und sie wird das – soviel Prognose darf sein – auch weiter tun. Daß das Interesse an der menschlichen Gestalt erloschen wäre, das konnten im Ernst nur zaghafte Galeristen oder dreiste Kulturpatriarchen vermuten. Ein Münchner Feuilleton hat dazu jüngst getitelt: ‘Figuration ist wieder im Kommen’. Das ist insofern zu korrigieren, als es Maler und Malerinnen gibt, die sich seit Jahren schon mit allen ihren Fähigkeiten auf die figurative Kunst geworfen haben, zum Beispiel Caterina Albert. Sie selbst hat ihr langjähriges Generalthema so bezeichnet: „grossformatige Bilder von Menschen, die ich gern zu meinem Gastmahl um mich versammeln würde”. In drei Ausstellungen waren in jüngerer Zeit immer neue Aspekte ihres ideellen Gastmahls zu sehen: vor genau drei Jahren die dramatische Installation im Marstall mit dem Zyklus der zehn Behauptungen, dann 1997 in einer Münchner Galerie Menschen sehen, eine Art kleine Retrospektive, und im vergangenen Sommer der groß angelegte Zyklus der Xenoi: Gäste, fremde, der dank Anke Pelzer in den Räumen der Agentur ‘große freiheit’ gezeigt werden konnte. Die Xenoi werden in München ab 16. April noch einmal im Europäischen Patentamt in den Pschorrhöfen ausgestellt.

In dem Zyklus ZEHN NEUE GEMÄLDE, der hier vor uns steht, ist nun innerhalb weniger Monate in einer wahren Eruption von Schaffenskraft ein völlig neuer Ansatz zutage getreten. Wie sonst auch, hat die Malerin Menschenbilder von besonderer Faszination aus den verschiedensten Quellen gezogen – es kann sich um private Photographien handeln, um moderne Kultbilder der Medien, um persönliche Begegnung oder Anregungen durch eigenartige Außenseiter der Malerei -, und sie hat diese Fundsachen durch ihre Imaginationskraft so verwandelt, daß ein überraschend neuartiger und in sich völlig homogener Zyklus entstanden ist. Als ‘Erfindung durch Verwandlung’ hat man ein solches Verfahren in anderem Zusammenhang bezeichnet. Worin das Neue besteht, läßt sich am besten an den Konstanten zeigen, die es in dem Gesamtoeuvre gibt – Konstanten, die weiter bestehen, aber eine charakteristische Metamorphose erlebt haben.

Eine solche elementare Bildqualität ist bei Caterina Albert der ‘Farbraum’ – ein farbiger Grund, der aber nicht leer oder neutral ist, sondern Tiefe und Atmosphäre hat, der lichthaltig, stimmungshaft und voller Nuancen ist. In den ZEHN NEUEN GEMÄLDEN hat sich der Farbraum nun verändert: er ist bestimmter, fester und konkreter geworden; Kanten, Wände und Öffnungen geben ihm präzise Konturen. Um die Konstruktion eines perspektivisch-korrekten Innenraums ist es dabei nie gegangen, auch nicht um einen Realismus der Alltagswelt wie bei Edward Hopper. Ob ein Bildfeld nun ein Fenster oder einen Durchblick, ein Bild oder gar einen Spiegel meint, bleibt in vielen Fällen offen. Möbel oder persönliche Habe wie in einem Wohnraum fehlen zumeist. Diese eigentümlichen Innenräume vermitteln etwas anderes als Wohnkultur: sie bringen die Ruhe eines Innenraums zum Ausdruck, die Abgeschirmtheit eines Gehäuses, die Intimität eines Interieurs. Wir sehen keine Außen-, sondern eine Innenwelt, die jeweils durch Farbe, Licht und materielle Textur auf die Personen gestimmt ist. Deshalb begreift man den Bildraum als den autonomen Wirkungsraum der Gestalten. Der Betrachter rückt dabei nahe an sie heran, ohne sich als Eindringling fühlen zu müssen. Er gewinnt eine Nähe, die unmittelbar, aber nicht aufdringlich ist: Nähe und Abstand in einem fein austarierten Äquilibrium.

Einen völlig neuen Ton hat Caterina Albert auch bei der Darstellung der Personen angeschlagen. Genuine Qualitäten wie die körperliche Plastizität der Gestalten und deren intensiver Blick sind neu definiert worden. Wer noch vor kurzem in der Ausstellung Xenoi: Gäste, Fremde war und die Faszination des fremden Anderen als Bedrohung und Lockung und als momentane, herausfordernde und manchmal heftige Konfrontation erlebt hat, fühlt sich hier in eine andere Sphäre versetzt. Denn wie die Bildräume stehen auch die Figuren für eine innere Welt, sie sind ganz bei sich, und in einer ruhigen, zuständlichen Art versammelt. Unbewußt und ungerichtet ist ihr Tun, keiner ist in Reden oder Aktivitäten verstrickt. Sie lassen sich sehen, stellen sich aber nicht zur Schau: Posen der Selbstdarstellung, Statusfragen oder Berechnung auf Wirkung sind ihnen fremd. Mit diesen Gestalten beginnt rasch ein stummer Austausch, der ohne Worte, aber sehr beredt ist. Man begegnet einem Blick, der nichts will oder fordert, sondern im ungestörten Schauen der Personen etwas von ihrem Wesenskern offenlegt; mit ihrem ‘inneren Blick’ teilen sie unabsichtlich etwas von ihrer persönlichen Haltung zur Welt mit. Werden Menschen so dargestellt, stehen sie ohne alle Hüllen vor uns, aber nicht nackt und bloß; sie wahren Eigenart und Würde. Ihr Verhältnis zum Betrachter bleibt dabei in der Schwebe. Die Malerin hat nichts festlegen wollen; sie erlaubt eine intime Begegnung, ohne sie zu bestimmen. Sehr entschieden ist sie aber darin, in ihren Gestalten ein Menschenbild vor Augen zu stellen, das in der Seele gut tut. Drei Beispiele:

  • Ein junges Mädchen von ungetrübter Jugend, wach, froh, präsent und voll ruhiger Zuversicht. Obwohl man Erwartung auf Kommendes spürt, ist sie doch ohne jede Ungeduld.
  • Ein älterer Mann, den Blick selbstvergessen nach innen gekehrt, gedankenschwer in sich versunken, aber dabei fest, ungebrochen und konzentriert.
  • Die kühle schöne Frau, träumerisch und hochgemut, selbstbewußt und selbstverständlich bei sich, doch nicht ohne Reserve – und mit einem hellwachen Kater im gelassenen Besitz seiner Beute, der manchen ironischen Nebenton ins Bild bringt.

Nichts von Kampf, Krampf und lautem Anspruch tragen diese Personen vor. Was die Malerin in ihren ZEHN NEUEN GEMÄLDEN den Betrachtern zugänglich macht, ist im Grunde genommen Sympathie – Sympathie nicht in dem blaß gewordenen Wortsinn von ‘ganz nett finden’, sondern in der ursprünglichen Bedeutung: Neigung, Zuneigung, gefühlsmäßige Übereinstimmung, Seelenverwandtschaft. So wird ein ganz persönlicher Bezug ermöglicht, in dem die emotionale Phantasie freien Raum gewinnt. Im Austausch mit dem Bild leben alte Erfahrungen auf, neue Einsichten stellen sich ein und eine Ahnung davon, was menschliche Begegnungen noch bringen könnten. Läßt man sich auf diesen ‘inneren Blick’ ein, dann wird der Horizont weit und hell – Caterina Albert hat für ihren Wahlspruch ‘Menschen sehen’ eine neue Perspektive eröffnet.

Dr. habil. Ulrich Fürst arbeitet als PD am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München.