Das „PALAIS D’AMOUR”

von Caterina Albert,

ein Environment im Kunstforum der städtischen Galerie im Lenbachhaus,

München, August 1983

Joseph Beuys hat das Kunstforum in der Maximilianstrasse in eine Morgue verwandelt, Inge Mann in eine Krypta, Thomas Lehnerer hat hier eine barocke Allegorie inszeniert und Stephan Huber eine auf die Gegenwart bezogene. Hannes Lehnhart hat den vorhandenen Raum durch ein eigenes Koordinatensystem verändert, Roberta Allen mit Richtungszeichen die Dynamik des Ortes erfahrbar gemacht. Die unterschiedlichen Reaktionen der KünstlerInnen auf die gegebene Situation zeigen, daß alle dieses triste, zwischen Fußgängerpassagen eingepferchte Siebeneck als Herausforderung annahmen.

Caterina Albert macht da keine Ausnahme. Sie hat, anders als die anderen, den Raum aber nicht nur als Möglichkeit begriffen, mit künstlerischen Mitteln auf die modifizierbare aber dominierende Umgebung zu antworten, sie entdeckte, daß das Kunstforum ein — im genauen Wortsinn — unterirdischer Ort ist, der Assoziationen an Höhle oder Hades nahelegt. Wenn Dante heute lebte, könnte er das Eingesperrtsein in diesen Raum, mit dem ständigen Rattern der Trambahnen, in den Katalog seiner Infernoqualen aufnehmen.

„Palais d’amour” erinnert (und soll auch erinnern) an einschlägige Etablissements, die dem Besucher die Erfüllung erotischer Wünsche versprechen; die nackten männlichen und weiblichen Figuren rings an den Wänden, die kopulierenden Katzen und die rythmisch bewegte Klitorisplastik in der Mitte des Raums lenken die Phantasie in diese Richtung. Der aggressive schwarze Akt ist aber nichts anderes als Baudelaires ‚Venus Noire’, das Symbol der sinnlichen Liebe überhaupt, und der blaue Mann, der aus dem Bild ins Freie flieht, ist Tannhäuser.

Wir befinden uns also im Hörselberg, dem künstlichen Paradies.

Caterina Albert hat den Mythos vergegenwärtigt und folglich konsequenterweise die Akteure modernisiert. Die Herrin der Zauberhöhle ist direkt aus dem Playboy ins Kunstforum gekommen, und ihr entfliehender Liebessklave ist ein überforderter Superman. Dieses Spiel auf zwei Ebenen, der literarischen und der auf den aktuellen Erfahrungshorizont bezogenen, wiederholt sich auch in der Malerei: die realistisch dargestellten Figuren sind eingebettet in eine ungegenständliche farbige Umgebung.

Diese großflächige Wandmalerei, die auf die Wirkung des Freskos zielt, hatte Vorgänger. [...] Caterina Albert hat sich genauer auf die Möglichkeiten und Bedingungen des Kunstforums eingelassen. In ihrem ‚PALAIS D’AMOUR’ ist das Moment des Überganges von den Bildmetaphern einer untergründigen Triebwelt zu den Vorstellungen einer unmöglichen ‚Amour fou’ in vibrierender Spannung und Schwebe gehalten. Die gelegentlich unterschwellig einsetzende und an ihren Höhepunkten mit dem Beben der riesigen Seidenskulptur synchronisierte Musik von Irmin Schmidt (THE CAN) läßt das zeitlich Flüchtige des Erregenden zum immer wieder erlebbaren Ereignis werden. Das ‚PALAIS D’AMOUR’ ist in der kurzen Zeit seines Bestehens zu einer Art Kultort für junge Pärchen und die Schüler eines nahegelegenen Gymnasiums geworden.