Interview mit Caterina Albert
zu ihrem Bilderraum EIN KIND IM OFFENEN VERSTECK
nach Thomas Bernhards Autobiographie Ein Kind

- Zu den Bildern der Ausstellung Ein Kind im offenen Versteck bist du angeregt worden nach der Lektüre von Thomas Bernhards literarisch therapeutischem Lebensbuch, das er erst am gegen Ende seines Lebens, also als Erwachsener aufgeschrieben hat. Was hat Dich daran so fasziniert, daß Du den Drang verspürtest, Dich ihm malerisch zu nähern?
- Ohne Zweifel ist Bernhardt einer der bedeutendsten Schriftsteller des deutschsprachigen Raums. Bei Freunden am Chiemsee las ich sein Buch Ein Kind und zufällig fuhren wir am nächsten Tag durch Traunstein. Ich entdeckte dort die schöne ARTS Klosterkirche mitten in der Stadt, gleich hinter dem Taubenmarkt, wo Th. B. wohnte, und ich wußte sofort, daß ich hier eine Ausstellung zu ihm machen mußte.

Nachdem ich seit mehreren Jahren mit großem Vergnügen etliche seiner Bücher gelesen hatte, in denen er mit musikalischer Rhythmisierung, meisterhafter Beobachtungsgabe immer wieder sein Thema, das der gründlichen Menschenbeobachtung, verfolgte – boshaft, voller hinterlistigem Humor – korrespondierte mein Kopf mit ihm.

- Dieser Zeitraum der Adoleszenz, also des Heranwachsens junger Menschen, den Bernhardt beschreibt, ist auch in Deinem Werk seit einiger Zeit sehr präsent, warum?

- Junge Menschen sind in ihrer Haltung, wie auch ihrer Körpersprache noch nicht entschieden – alle Möglichkeiten sind offen, noch auszuloten. Sie sind verführbar, stark und zart zugleich. Es können Engel oder Teufel werden. Als Erwachsene mag ich dieses Rätsel der Unvollkommenheit und kreise seit mehreren Jahren um dieses Thema.

- Der Großvater, ein erfolgloser Schriftsteller, der ein Leben lang um sein Werk ringt, war für Th.B. Schutz und Vorbild zugleich. Im Grunde genommen ist er der Archetyp all der elitär verschrobenen Geistesmenschen, die Th.B. in seinem Werk gezeichnet hat.

- Der Großvater besaß die Großzügigkeit des Alters. Sein Umfeld roch nach Eigensinn und Büchern. Er wurde von seinem Enkel geliebt, weil er sich den Bevormundungen seiner Mitwelt entzog. Er war die Bestätigung für das Kind in seinem Versteck, seinem Exil. Aber er tat noch etwas Entscheidenderes: er gab ihm die Freiheit in seiner Gegenwart so zu sein, wie das Kind es träumte.

- Welche Eigenschaften gibst du in Deinen Bildern der Mutter mit? Sie geht teilweise in ihrer Überforderung sehr grausam mit dem sensiblen Jungen um, wie zeichnest du sie?
- Seine Mutter ist eine zwiespältige Person, sie schwankt zwischen Haß und Liebe. Sie ist gefangen in ihrer Ohnmacht. Und – in Bildern gedacht – kann neben großer Dunkelheit nur Licht entstehen.

- Diese Kindheit könnte traumatisch nicht ergiebiger sein. Siehst du es so, daß Th. B. allen Leidenden dieser Welt mit seinem unbedingten Willen des Durchhaltens, der sich am extremsten in der Zeit seiner Lungenkrankheit manifestiert, Mut macht?

- Ich glaube, eine unbedingt glückliche Kindheit zu haben, ist selten. Hilflose Ängste, eigenartige Begegnungen sind verstörend. Bei einem überaus sensiblen Kind hinterläßt das Spuren und prägt es. Aber der Grundantrieb, unbedingt leben zu wollen – trotz Krankheit oder Alter – ist allen Menschen eigen.

- Was ist es, das Dich mit diesem Buch des Dichters verbindet, das Dich so anzieht? Kannst du es in Worte fassen?
- Ich zum Beispiel liebte meinen Großvater sehr. Er war für mich über Jahre hinweg Ersatz für den fehlenden Vater. Da war das Gefühl von Ur-Vertrauen und grundsätzlicher Sicherheit. Ich war für ihn die perfekte kleine Person, mit der er Geheimnisse teilte. Er malte und ich auch – wenn ich mit ihm spazieren ging, lösten sich Schatten auf und wir schwiegen einträchtig. Th. B. hat mich in seiner Erzählung Eine Kindheit gefunden.

Das Interview mit Caterina Albert führte  Monica Poalas

München, März 2012