CHRISTOPH WIEDEMANN

Rede anläßlich der Eröffnung der Ausstellung XENOI von Caterina Albert am 18.10.2000 im Europäischen Patentamt, PschorrHöfe

[...] Zur Person der Künstlerin: Ich glaube es wichtig zu wissen, daß Caterina Albert ein Stück deutscher Zeitgeschichte und damit auch ein Stück ehemals deutsch-deutscher Befindlichkeit verkörpert. Sie wissen worauf ich hinaus will? Es geht um die einstmals real existierende Teilung. Caterina Albert war DDR-Bürgerin. Geboren in Brandenburg und ausgebildet in Ost-Berlin, kam sie Mitte der siebziger Jahre nach West-Deutschland und München. Hier studierte sie erneut, nur diesmal unter veränderten – westlichen – Vorzeichen. Aus dem sozialistischen Realismus hinein in die kapitalistische Freiheit der Abstraktion und Farbfeldmalerei. Dieser “Systemwechsel” dürfte für Caterina Albert eine wesentliche Grunderfahrung gewesen sein. Man spricht vordergründig dieselbe Sprache. De facto allerdings versuchen zwei Weltbilder ihre jeweils eigenen Wahrheiten zu manifestieren. Und Kunst – machen wir uns nichts vor – war in den Zeiten des Kalten Krieges – Ost wie West – ein heiß umkämpftes Propagandafeld. Beide Seiten gesehen und studiert zu haben, war damals nicht vielen vergönnt. Die Wenigen allerdings, denen das vergönnt war, scheinen daraus kreativen Gewinn gezogen zu haben. Viele der “Großmeister” des zeitgenössischen deutschen Kunstgeschehens besitzen diese persönliche Ansicht der beiden deutschen Seiten. Um nur einige Namen zu nennen, die Ihnen allen geläufig sein dürften: Günther Uecker, Sigmar Polke, Gerhard Richter und nicht zuletzt auch unser aller, hoch bezahlter Georg Baselitz.

Caterina Albert gehört in diese Reihe deutsch-deutscher Kultur-Dialektik. Sie ist nur eine Generation und damit eine Aufmerksamkeitsstufe jünger. Das ist wichtig. Denn an der Malerei und an den Bildern liegt es nicht, daß diese Künstlerin bis heute noch keine Documenta-Ehren vorzuweisen hat. Es ist – wenn Sie so wollen – eher die “Ungnade” der späten Geburt.

Womit wir bei den 60 “Xenoi” wären. Jede Stadt hat ja bekanntlich ihre farbigen Viertel. In München sind das die Straßengevierte um den Hauptbahnhof und insbesondere die Goethestraße. Sie wissen schon, die Straße mit den vielsprachigen Import-Exportschildern, zwischen denen sich im Bedarfsfall so herrlich multikulturell speisen läßt. Das ist der Ausgangspunkt und ursprüngliche Studienort für Caterina Alberts “Xenoi” . Mehrere Wochen sammelte sie dort mit der Kamera interessante Gesichter. Physiognomien, die unter normalen Bedingungen in keinem öffentlichen Medium auftauchen, geschweige denn gemalt werden. Die Idee war alltägliche fremde Gäste in einer imaginären Runde zu versammeln. Den Punk und den Boxer, die Stripperin und den Dichter, Moslem, Christ und Atheist. Mit einem Wort – eine illustre Mischung vermeintlicher Out- und Insider. Der Mensch zählt und nicht sein religiöses Bekenntnis und auch nicht sein Bankkonto. Eine ganz persönliche Auswahl: “Menschen” wie die Künstlerin kommentiert, “die mich interessierten”. Keine Auslese, sondern eine Auswahl. Herausgekommen ist dabei eine Galerie der Nicht-unbedingten-Schönheiten. Dafür ist das Ganze umso intensiver. Wie in der Cella eines griechischen Tempels sind 60 fremde Gesichter aufgereiht. Als Betrachter wird man fixiert, negiert, in jedem Fall aber berührt. Das Teuflische dabei: Man kann es sich aussuchen. Das könnte eine x-beliebige Ausstellungskoje sein oder aber auch ein sakraler Raum. Den abgebildeten Menschen kann ich Bedeutung oder auch Mißachtung zukommen lassen. Eine gemalte Fotoreportage, die unter die Haut geht, nicht zuletzt deshalb, weil jemand sich die Mühe gemacht hat, scheinbare Allerweltsgesichter im althergebrachten repräsentativen Portraitstil darzustellen.

Bei der Gelegenheit, ein Wort zur handwerklichen Qualität der Arbeiten. Caterina Albert besitzt das, was man als Malerpranke bezeichnet. Sie eignet sich das, was sie sieht und was sie fasziniert, direkt und unmittelbar an. Die Umsetzung in Malerei erfolgt dementsprechend sinnlich und packend. Grundbedingung dafür ist die perfekte Beherrschung des Mediums: Der Umgang mit Farbe, Pinsel, Malgrund. Die “Xenoi” sind auf Karton gearbeitet in unterschiedlichen und gemischten Techniken aus Tuschen, Kreiden und Ölfarben. Die “Xenoi” sind eine Anfang 1998 begonnene und mit Unterbrechungen fortgesetzte Serie. In den Zeiten dazwischen sind neue Leinwandarbeiten in beinahe altmeisterlicher Farbtechnik entstanden, bewusst unmodisch „Gemälde” genannt, unter dem Titel „Zehn neue Gemälde” Ende 1999 ausgestellt. Der Titel ihres letzten Zyklus ist: „Pope, soldiers, Mädchen”und sagt schlicht, was auf den „Gemälden” zu sehen ist: der Papst, Soldaten und (unschuldsvolle) Mädchen. Ich will niemanden abwerben, aber es lohnt sich ein paar Häuserblocks weiterzugehen, um diese neue Serie in der Goethestraße in einem Keller zu sehen. Das ist übrigens die erste öffentliche Präsentation dieser provokanten Gegenüberstellungen. Da wird etwas forciert, was bei den “Xenoi” bereits anklingt: Caterina Alberts Themen und Bilder wirken wie Schlagzeilen. Zeittypische Phänomene werden mit der Akribie und Raffinesse kunstgeschichtlicher Vorbilder aufgegriffen. Das wirkt – übertrieben formuliert – manchmal fast so, als hätte man einen Tizian mit seiner Staffelei in die Jetzt-Zeit katapultiert. Natürlich würde der höchstwahrscheinlich ziemlich schnell zu Kamera oder Fotoapparat greifen. Daß Caterina Albert das nicht tut, hat mit ihrer Herkunft und Ausbildung zu tun. Sie ist Malerin mit aller Konsequenz. Und sie behauptet sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in einer Welt der elektronischen Bilder. Das ist der eigentliche Kampf, den sie austrägt. Das ist aber zugleich auch die Faszination ihrer Bilder. Eine Art weiblicher Don Quichotte gegen die Windmühlen der elektronischen Bilderzeugung. Die unorthodoxe Art, mit der sie dabei unsere Blicke zu lenken versteht, stellt eine echte Bereicherung dar.

Was Caterina Albert heute anfaßt, hat Hand und Fuß. Es besitzt Kraft und Sinnlichkeit. Mit Malerei verführen. Und Verführung, wenn sie Erfolg haben soll, läuft immer auf zwei Schienen: Über die emotionale und über die Verstand gesteuerte, rationale Ebene. Darin liegt die Qualität der hier aufgebauten malerischen Installation.

Es gibt hier und heute Bilder, die sich einprägen. Bilder, die man im Kopf und im Gedächtnis mit nach Hause trägt. Im Grunde nicht mehr und nicht weniger als das, was man von Kunst erwarten kann.